Im Osten und im Westen

Die Gailtaler Akademie für Genuss und Lebenskunst Santonino und die Nachhaltigkeitsakademie Kristallquelle

Ihr Ziel: Menschen zusammen zu bringen.

Die beiden Nachhaltigkeitsakademien wurden fast zeitgleich im Herbst 2012 gegründet, die eine im Westen Österreichs (Region Gailtal bzw. Karnische Region), die andere im Osten (Region Südburgenland und Oststeiermark). Beweggrund war in beiden Fällen, in der jeweiligen Region Menschen zu mehr Miteinander zu bewegen und ganzheitlich Informationen zu vermitteln – auch Kontroverses, mitunter auch Meinungen weitab vom sogenannten Mainstream. Damit wurde einem Bedürfnis entsprochen, das sich nun zunehmend und immer deutlicher in vielen Regionen der Welt manifestiert: Menschen beginnen mehr und mehr, ihre Lebensverhältnisse zu hinterfragen und Eigenverantwortung zu übernehmen.

Die Namensgebung

Die beiden Namen sind Programm… Ins Kärntner Gailtal mit seiner prachtvollen Gebirgslandschaft und seiner südländisch inspirierten Lebensart passen nun einmal Begegnungen, die mit einer Wertschätzung dieser lebensbejahenden Kultur und ihrer Erzeugnisse gehen. Die Treffen, als Jour fixe einmal pro Monat konzipiert, waren von Anfang an auf Genuss und Lebenskunst ausgerichtet – Vorträge von landwirtschaftlichen Produzenten, Geschäftsführern von Almgenossenschaften, Lebenscoaches. Der Südosten Österreichs, lange kleinbäuerlich strukturiert, gewann in den vergangenen Jahrzehnten Popularität als mannigfaltige Thermenregion. Das Element Wasser betrachteten die Initiatoren daher als geeignetes Symbol. Einer Eingebung folgend, wurde die Bezeichnung „Kristallquelle“ zunächst als Zusatz, später als Hauptname, gewählt. Der Zusatzname der Gailtaler Akademie „Santonino“ würdigt eine historische italienische Persönlichkeit, einen Reisenden, der vor ca. 500 Jahren detailliert über seine Reiseerlebnisse berichtete.

Das etwas andere Konzept

Im Reigen der vielen Initiativen und Netzwerke, die sich nun überall sachte bilden, als folgten sie einer unbewussten globalen Absprache, orientierten sich die beiden Projekte nicht an etwaigen Vorbildern, sondern wurden visionär geschaffen bzw. sozusagen am Reißbrett entwickelt. Ein sogenannter Stammtisch, eigentlich als ganzheitliches Forum zu sehen, sollte regelmäßigen Austausch ermöglichen und zum Schnuppern dienen. Damit jedes Mal neue Impulse geboten werden, werden Referenten unterschiedlichster Fachgebiete eingeladen, sich unentgeltlich für einen kurzen Impulsvortrag zur Verfügung zu stellen. Keine universitäre akademische Einrichtung sozusagen, sondern eine, die vom Volk getragen ist.

Das Konzept der beiden Akademien ist basisorientiert und flexibel. Einzigartig an beiden Initiativen ist der Mut der Gründer, ohne jedwedes Budget zu beginnen und das gesamte Projekt auf Ehrenamtlichkeit aufzubauen. Ein kleines, nicht von Förderungen oder sonstigen Vorgaben abhängiges Projekt hat jeden Moment die Wahl, ob es Veranstaltungen ausschreibt oder nur als „Papiertiger“ bw. im Internet in Erscheinung tritt. Im Lauf der Veranstaltungen würde sich zeigen, wo mehr Informationbedarf und mehr Interesse besteht.

Die phasenweise Umsetzung

Nach und nach wurde die zunächst nur in Konzepten entwickelten peripheren Strukturen umgesetzt. Als Rechtsträger wurden Kulturvereine nachgegründet. Die Akademien bekamen zusätzliche eigenständige Teilprojekte – mit Schwerpunkten wie Frauenförderung, Permakultur und Ökologie, Kunst und Kultur. Die regionalen Medien leisteten in beiden Fällen wertvolle Starthilfe, denn schließlich, wenn niemand etwas erfährt, kommen auch keine Besucher zu Veranstaltungen! Aufgrund vieler unergiebiger Erlebnisse mit politischen Mandataren und regionalen Politikern wurde eine direkte Kontaktnahme vorerst ausgeklammert. Hingegen wurde bestehenden Initiativen und Netzwerken ausdrücklich signalisiert, dass sie respektiert und gewertschätzt würden und Zusammenarbeit bzw. Synergien durchaus erwünscht seien.

Bedenken und Missverständnisse

Dennoch schien speziell in Kärnten die Angst aufzukeimen, dass sich eine Veranstalterin in die bestehende karge Kulturlandschaft drängt. Alle Versuche, den Bewohnern diese Unsicherkeit zu nehmen, griffen nicht an. Die Erklärung, dass die geplanten Veranstaltungen nicht Selbstzweck seien, sondern nötig seien, um engagierte, aktive Menschen zusammen zu bringen – Menschen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund und mit unterschiedlichen Schwerpunkten, alles grundlegend anders ausgerichtet als die diversen spezialisierte Gruppierungen für bestimmte Kultur-, Sport- und Freizeitzwecke. Das wollte wohl schwer in die Köpfe hinein und zeigte auf, dass noch eine Informationsstufe zwischenzuschalten wäre. Wir lernten im Gailtal, dass Vorträge fachlich kompetenter Referenten sehr eifrig besucht wurden, wobei eine herzlicche Dankbarkeit für unser Engagement spürbar war, dass es aber besser gewesen wäre, mit einer Präsentation des eigenen Projektes, also der Nachhaltigkeitsakademie, und dies möglichst in allen Gemeinden des Gail-, Gitsch- und Lesachtales, zu beginnen.

Hindernisse

Inzwischen ist diese Überlegung müßig… Wohl wuchsen und gediehen beide Akademien dank intensivem Arbeitseinsatz in der Gründungsphase erfreulich gut. Es war sehr spannend, wie ähnlich sie einander in der Entwicklung waren und wie unterschiedlich sich die beiden Institutionen dennoch entwickelten. Egal wie viel Arbeit investiert wurde, es war für eine Person allein definitiv zu viel zeitlicher und finanzieller Aufwand, um alles abzudecken. Das Projekt würde einen finanziell potenter Betreiber benötigen, der dauerhaft ein Team herzoffneer Facheute beschäftigen kann. Ja, wer träumt nicht von einem solchen märchenhaften Glücksfall? Um das Arbeitspensum und den Aufwand für Büro- und Reisespesen zu verkraften, hätte es eine befriedigende Dotierung und ein ganzes Team gebraucht. Mit viel Idealismus war die Startphase zu überbrücken, doch leider, als es schließlich darum ging, eine stabile Organisation vor Ort zu errichten, wurde es schwierig. Als die Absicht geäußert wurde, ein Team mit Menschen zu bilden, die das Konzept einer solchen bodenständigen, von der Basis getragenen Einrichtung unterstützen, die zu mehr Miteinander und zur Stärkung der Region beiträgt (im Grunde genommen ist dies sogar im Sinne der EU-Richtlinien!), waren rundum nichts als Entschuldigungen und Ausflüchte zu vernehmen.

Da die Haupt-Initiatorin im Osten Österreichs, nicht weit von Ungarn, lebt, war es ihr immer seltener möglich, nach Kärnten zu reisen. Um die Gailtaler Akademie mit ihren Zusatzprojekten in Schwung zu halten, hätte es vieler realer Kontakte und Gespräche bedurft. Das Feedback war gemischt, von völliger Verständislosigkeit bis zu restloser Begeisterung war bei jedem Besuch und bei allen Gesprächen ein ständiges emotionales Wechselbad zu durchleben. In dem kurzen Zeitfenster von einem knappen halben Jahr, das ein Anstarten ermöglichte, wurden intensive Bemühungen gestezt, Vereinsorgane zu gewinnen, Partner in verschiedenen Orten, Potenziale aufzustöbern, die auf eine solche Möglichkeit bewusst oder unbewusst gewartet hätten. Das Zeitfenster war entschieden zu kurz. Es hätte sicher um Einiges länger gedauert, Menschen zu finden, die dieses Konzept vor Ort realisieren. Denn uns Gründern war ja nicht daran gelegen, die Akademie zum Selbstzweck zu erheben. Es sollte ein Konstrukt sein, das regionale Potenziale miteinander verknüpft.

Ein Team wächst und zerfällt

Die Entwicklung der Nachhaltigkeitsakademie Kristallquelle, deren erste Veranstaltungen im Thermenort Stegersbach stattfanden (daher der erste Name Stegersbacher Nachhaltigkeitsakademie), nahm einen anderen Verlauf. In Stegersbach hatte bereits knapp drei Jahre lang ein Gesundheitsstammtisch „Zeitenwende“ Tradition. Der Jour fixe „Gesundheitsstammtisch“ war im Grunde genommen eine Wiederaufnahme bzw. Fortsetzung der gut eingeführten und gerne angenommenen Treffen (Apropos: Ein erweiterter Gesundheitsbegriff im Sinne von Gesundheit von Mensch und Umwelt und Gesellschaft rechtfertigt diese Bezeichnung für nahezu alle Themen…) Es herrschte daher kein Erklärungsbedarf, zumal im Südosten Österreichs zu solchen Veranstaltungen eine bestimmte Schichte zuverlässig erscheint, die sich überwiegend aus eher nonkoformen Menschen mit höherem Bildungsniveau, Zuwanderern, Therapeuten und Kulturschaffenden und besonders intuitiven Menschen im Allgemeinen zusammensetzt, die vorgebildet ist und den Nutzen einer solchen Einrichtung erfasst und keine Erklärungen benötigt.

Dann und wann fanden sich bei interessanten Themen auch einige Einheimische und etliche Kurgäste ein. Und an einem Vortrag über die Gefahren des Impfens nahmen überdimensional viele junge Mütter und schwangere Frauen teil – erfreulicherweise natürlich! Aufgrund reichlich vorhandener Eigeninteressen, aber auch infolge eines fortgeschrittenen Bewusstseins in dieser Region, das impliziert, dass symbiotisches Mieinander für ein Gedeihen unerlässlich ist, boten sich mehr und mehr HelferInnen an. Fast zu rasch bildete sich ein Team von ca. zehn Personen und wenn man die Leiter einiger Fachgruppen bzw. Arbeitskreise der Kristallquelle-Akademie hinzunimmt, waren über kurz oder lang ca. zwanzig Aktive „mit von der Partie“. Doch wie? Das wurde schließlich zum Problem. In der Streulage dieser Region, ohne einen rechten zentralen Ort, gestaltete sich die Suche nach Veranstaltungsorten und das Vereinbaren von Meetings extrem schwer. Die Helfer entpuppten sich leider zum Teil als Verhinderer. Zeitverschlingend gingen Mails hin und her, um dies und jenes zu erklären und Missverstandenes wieder zu entwirren. Nach anfänglicher Euphorie wurden unüberwindliche Differenzen spürbar. Kurz gefasst: Es war die akzeptablere Entscheidung, wieder getrennte Wege zu gehen.

Auswertung und Schlussfolgerungen

Ostern bzw. Ende April 2013 war in etwa der Zeitpunkt der Gründerin Dr. Lygia Simetzberger, das Experiment auszuwerten und über weitere Schritte nachzudenken. Fazit: jede Menge Menschen ringsum, die auf weitere Impulse warteten, die sich kostenlose Eventorganisation und Gratiskonzepte erhofften, Wirte, die sich über Referententipps freuten und einige unternehmerisch tätige Mensche, die erfreut Anregungen aufnahmen und umsetzten. Am Weg ganz, ganz viel Positives, doch leider niemand für Nachfolge, Vertretung, Entlastung. Wir mussten erkennen, dass niemand in einer Person über die Qualifikationen und über den Überblick verfügte, dieses Projekt zur Gänze zu übernehmen. Allein fortsetzen, und dies aus über 300 km Emtfernung?

Nun, einerseits signalisierte bald schon die physische Konstellation, dass eine solche Anstrengung auf Dauer nicht durchzuhalten ist. Andererseits sind die Gründer einigermaßen mit energetischen Prinzipen vertraut. Sie wussten daher, dass Unausgewogenes nicht gedeihen kann. Also Rückzug auf der ganzen Linie? Nein, das wäre Kindesweglegung! Glücklicherweise nahte der Sommer und etwas abrupt endete das Gastspiel in Kärnten bereits Ende April 2013; die Kristallquelle hielt noch bis Ende Juni durch, da bis dahin noch bis mehrere Veranstaltungen anberaumt waren.

Doch dahin war definitiv ein Stopp vorzunehmen.

Weiterleben

Eine „Ahnin“ der Gailtaler Akademie, das im Jahr 2013 gegründete Online-Kulturserive Gailtalnetz, und einige Kinder der Gailtaler Akademie leben weiter – die Karnischen Frauen, der Wulfenia Art Club und sogar eine Folge-Schöpfung einer Wanderführerin namens Karnische Wanderfrauen… Doch vorerst sind in Kärnten keine weiteren Stammmtische geplant. Allerdings freut sich ein engagierter Wirt über Referententipps. Er erwies sich als tüchtiger, liebenswerter gastgeber und signalisierte schon bald die Bereitschaft, die Veranstaltungsreihe fortzusetzen.

Aufgrund des Wohnsitzes im Südburgenland ist es der Gründerin relativ leicht möglich, in ihrer Umgebung Events anzuberauen und an ihnen teilzunehmen. Die Stammtisch-Reihe der Nachhaltigkeitsakademie Kristallquelle wird daher vorerst ohne großen Aufwand fortgesetzt. Auch im Osten Österreichs gibt es weitere Initiativen rund um die Akademie – un zwar ein Frauennetzwerk Kristallquelle, einen noch inaktiven Crystal Art Club (Künstlerclub) und ein Kulturservice-Portal (SüdostKULTURnetz), um einige Schwerpunkte speziell zu betreuen und auf Bedarf reagierend.

In nächster Zeit wird es kaum Events geben und mehr vom Schreibtisch aus geschehen. Geplante Infotage und Tagungen sind auf unbestimmte Zeit verschoben. Es fehlen mehrere Ingredienzien: finanzielle Mittel, helfende Hände, aktive Beiträge, Motivation. Arbeitsintensive Events dieser Art können nur in Teamarbeit verwirklicht werden, darüber besteht absolut kein Zweifel. Und das Team, das existiert eben nicht. Noch kümmert sich jeder um seine Angelegenheiten (wogegen absolut nichst einzuwenden ist) oder man kommt und konsumiert gerne, sozusagen „erste Reihe fussfrei“… Auch das ist verständlich und legitim. Nur bedeutet dies in letzter Konsequenz, dass ein ehrenamtliches Projekt , sei es auch noch so durchdacht, gut gemeint und sinnvoll für die Region, ohne funktionsfähiges Team und Unterstützer vorerst nicht bestehen kann. Schon gar nicht ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt daran zu denken, Tagungen, Kurse oder Workshops zu organisieren. In beiden – recht peripheren – Regionen ist die Nachfrage gering, das Gailtal ist dünn besiedelt, der Südosten Österreichs hingegen ist in seiner „Zerstreutheit“ strukturell gehandicapt. Da gilt aber wohl auch der hoffnungsvolle Spruch: Wer suchet, der findet. Wer ernsthaft motiviert ist, findet die Informationen, die er benötigt, bzw. nimmt zur Weiterbildung eine längere Anreise in Kauf. Es ist, wie es ist!

Resümee

Gebracht hat diese intensive Gründerzeit allen Beteiligten doch sehr viel – intensive Begegnungen, neue Impulse, neue Kontakte, Abschied von alten Kontakten, neue Partnerschaften mit anderen Aktiven, neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit, viel Lernen, viele neue Erfahrungen. Was in manchen Phasen nach unbedankter Selbstausbeutung aussah, hat sich durch nette Einladungen, Know-How-Weitergabe, kostenloses Nächtigen, nützliche Tipps, aber auch durch Lob und Wertschätzung ziemlich ausgeglichen. Die „Landkarte“ hat sich geändert, neue Interessen sind nachgerückt, schöne neue Freundschaften haben sich entsponnen, Enttäuschungen sind überwunden, Unwichtiges wurde fallen gelassen.

Als Resümee der bisherigen Erfahrungen würde ich sagen: Trotz aller Hürden und Rückschläge war es wertvoll, diese beiden Akademien ins Leben zu rufen und zu betreuen. Eine Ahnung sagt mir, dass es nun zur Unzeit wäre, diese beiden Initiativen einschlafen zu lassen. Alles braucht seine Zeit, daher ist es sicher sinnvoller, die gegenwärtige Stagnation zu akzeptieren und zu übertauchen.

Zum Abschluss

Ich hoffe, dass diese ehrliche, wenn auch knappe Schilderung (leider musste ich viele Details weglassen) für engagierte Menschen in ähnlicher Aufbruchsstimmung den eine oder anderen nützlichen Hinweis beinhalten. Es bleibt spannend, wie es nun weitergeht…

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