Auf den Kopf gestellt – Basis-Akademie

Santonina http://santonina.wordpress.com berichtete am 26. Februar 2013 wie folgt:

Auf den Kopf gestellt… ein neues sozio-kulturelles Modell wird erprobt

Die Basis-Akademie

© Santonina 02 2013

Seit einigen Monaten machen sich Aktivitäten der sogenannten „Gailtaler Akademie für Genuss und Lebenskunst“ in der Region Gail-, Gitsch – und Lesachtal bemerkbar.

Wie’s weitergeht, ist auf den Webseiten der Akademie und ihrer weiteren Initiativen zu verfolgen, und auch die regionale Presse ist unterstützend mit dabei, informiert freundlicherweise eifrig über die Aktivitäten und erkennt den Wert der Bestrebungen.

Partner-Seiten:

Diese Einrichtung ist aber weder eine staatlich geförderte Bildungseinrichtung noch eine hochnoble Akademie im herkömmlichen Sinn, sondern ganz im Gegenteil eine Basis-Initiative, getragen von einer kleine Schar von Idealisten. Wobei allerdings eher von Idealistinnen gesprochen werden sollte, denn das Kernteam besteht aus einigen engagierten Frauen aus dieser Region.

Anstatt, wie es weitgehend üblich ist, mit einem Konzept bewaffnet an allen erdenklichen Stellen um Fördermittel anzusuchen, setzte die Gründerin der Akademie auf den Vorteil der Flexibilität. Wegen der Universalität dieser Einrichtung bestünden ohnehin kaum Chancen, Unterstützung zu finden, so Lygia Simetzberger. Zugute kämen solche Initiativen in erster Linie den Gemeinden, und deren Kassen seien leer – dir große Tragik unserer Zeit. Und EU-Förderungen bzw. Regionalförderung? Mit ähnlichen Projekten sei sie jahrelang in anderen Regionen abgeblitzt. Mit fachübergreifenden Veranstaltungen, mit Vernetzung als Arbeitsschwerpunkt, mit der Bearbeitung von regionalen Kommunikationsmängeln analog zu individuellem Coaching könne man in Österreich einfach nichts anfangen. Seltsamerweise – ist es doch die Basis jeder komplexen Zusammenarbeit – werde Projekt-Koordination in einigen etablierten Bereichen wie z.B. im Bauwesen, beim Veranstaltung von Wirtschaftsmessen oder eines Musikfestivals als Beruf verstanden – aber nicht im Sinne eines nachhaltigen Bemühens für eine Region.

Herstellen von Wein, Marmelade, Knabbergebäck sei verständlich – Produktionsbetriebe sind förderbar. Dass ein Orchester einen Dirigenten benötige, sei auch klar. Aber die Analyse einer ganzen Region und daraus resultierende Maßnahmen, das wird nicht verstanden. Lygia Simetzberger hatte weder Zeit noch Lust, zwei weitere Jahrzehnte Projekte einzureichen, sondern nutzte ein Zeitfenster und entschloss sich zu einem ehrenamtlichen „Und trotzdem…“.

Das zugrunde liegende Konzept: Kommunikation in Form von „Stammtischen“ (Jour fixe) und sonstigen Begegnungen bringt Menschen in der Region zusmamen, die „über den Tellerrand“ schauen, sich für unterschiedliche Themen öffnen. Dabei können sich Austausch und sogar gemeinsame Projekte ergeben. Es zeigen sich Potenziale, Menschen finden Wertschätzung und Ermutigung. Beim Planen und Vorbereiten zeigen sich aber auch Lücken, wie beispielsweise fehlende Strukturen und Informationsbedarf. Die Akademie sucht und erarbeitet Lösungen. Aufrgund ihrer Flexibilität und Universalität arbeitet sie sehr effizient.

Wäre man an die Realisierung eines starren Konzeptes gebunden, könnte diese volksnahe Akademie niemals so bedarfsorientiert, rasch, effizient sein. Aber zum Glück kann sie – niemandem einen Leistungsnachweis schuldig – ihr Programm ständig weiterentwickeln und anpassen.

Es wird eine ganze Menge sozusagen „vorgeleistet“: Informationsdienste im Web (das Kulturportal Gailtalnetz, mit der Gailtaler Akademie organisatorisch in ein- und demselben Kulturverein verbunden, besteht schon seit mehr als drei Jahren), Organisation von Bildungs- und Kulturveranstaltungen, Organisation von Treffen, Kontaktpflege in den Social Media. Vereinsrechtlich organisiert, kann die Gailtaler Akademie aktiver werden, wenn Spenden hereinkommen. Gerne würde man alles ehrenamtlich machen, aber ganz ohne Geld geht’s leider nicht – und schließlich werde ja auch Bildung und Kultur vermittelt.  Bei den Veranstaltungen wird also um Kostenbeiträge für die Spesen der Vortragenden und für die reinen Organisationsspesen gebeten. Bisher ist ihr „Kunstprojekt“ bzw. „Kultur-Experiment“, wie es die Gründerin Lygia Simetzberger manchmal scherzhaft bezeichnet, noch keineswegs kostendeckend.

Es ist bemerkenswert, dass nicht etwa Betuchte hinter dieser Einrichtung stehen, sondern Menschen mit eher geringen Einkommensverhältnissen. Und gerade deshalb fühlt man sich motiviert, eine barrierefreie Einrichtung zu schaffen: ohne Mitgliedschaft, ohne vorgeschriebenen Kostenbeitrag, ohne sonstige Verpflichtungen. Freilich werde man diese Großzügigkeit bei größeren Veranstaltungen nicht bieten können. Die Stammtische des sogenannten Nachhaltigen Kreises, die Frauentreffen und die Treffen der Kreativen-Plattform namens „Wulfenia Art Club“, allesamt „Kinder“ der Gailtaler Akademie, bleiben jedoch frei zugänglich. Auch das Konzept der Stammtische ist einzigartig: Der Stammtisch findet einmal pro Monat bei einigen erlesenen Genuss-Betrieben bzw. in beliebten Lokalen statt. Die Vortragenden werden sorgsam ausgewählt, Themen und Einladungen gemeinsam entworfen, und die Abende werden von den Wirten bzw. Hoteliers unterstützt, die nicht nur kostenfrei ihre Veranstaltungsräume zur Verfügung stellen, sondern die Veranstaltungen auch noch mit grandiosen kulinarische Verkostungen toppen.

Die Gailtaler Akademie für Genuss und Lebenskunst ist bereits die zweite Akademie in Österreich, die unabhängig, ehrenamtlich, nachhaltig, ganzheitlich, vernetzend und kooperativ tätig ist. Im September 2012 wurde nach sommerlicher Vorbereitung im Südburgenland die „Stegersbacher Nachhaltigkeitsakademie“ ins Leben gerufen. Nach deren Vorbild, aber völlig eigenständig, wurde die Gailtaler „Schwester“ aufgebaut. Recht spannend ist inzwischen der Vergleich: Trotz analoger Grundsätze entwickeln sich bei der Stegersbacher Akademie andere Schwerpunkte stärker. Nun ist alles noch im Werden, aber selbstverständlich ist an Austausch gedacht, und es kann auch durchaus sein, dass weitere Akademien nach dem Muster dieser beiden entstehen.

Auf den Kopf gestellt, und das weiß noch kaum jemand, ist übrigens auch der Begriff „Nachhaltigkeitsakademie“. Es gibt bereits Nachhaltigkeitsakademien, doch man vergleiche selbst:

Wer sich da jetzt eifrig schlau gemacht habt, wird feststellen, das es keinen einheitlichen Begriff von Nachhaltigkeitsakademie gibt, sondern dass es rurale Konzepte gibt, Berater-Akademien, ökologisch orientierte Bildungstätigkeit, auf eine Energiewende ausgerichtete Einrichtungen und jugendfördernde Massnahmen – aber keine einzige Einrichtung ist mit den beiden Akademien in Westkärnten bzw. im burgenländisch/steirischen Grenzgebiet vergleichbar.

Erklärungsbedarf besteht nach wie vor. Immer wieder sieht sich Lygia Simetzberger mit Fragen und Feedback konfrontiert wie: „Bei uns finden mehr als genug Kulturveranstaltungen statt – wozu also?“ oder „Seid ihr so etwas wie die Volkshochschule?“ oder „Da steht so viel auf eurer Webseite, ich fühle mich total überfordert!“ oder „Netzwerken – das ist für mich so unstrukturiert, damit kann ich nichts anfangen, ich brauche klare Strukturen“ oder „Aha, ihr macht also Veranstaltungen – das ist ja gar kein Netzwerken…“

Erst die große Verständnislosigkeit, die ihr oft begegnet, die geistige Überforderung der meisten Menschen mit diesem universellen Projekt und die langen Erklärungen, die immer wieder nötig sind, um die Zielte verständlich zu achen, machten der Gründerin bewusst, dass sie völlig neue Wege geht.

Es handelt sich offenbar um ein regionales sozio-kulturelles Kommunikationsmodell, das es in dieser Art noch nirgends gibt. Ein Informations- und Kommunikationsnetzwerk dieser Art, mit einer „Akademie“ im Mittelpunkt, ist offenbar neu. Es ist eben mehr als nur Zusammenarbeit mit einem bestimmten Schwerpunkt bzw. Ziel wie z.B. „energie-autarke Region“, Es ist nicht wir das Konzept „Gesunde Gemeinde“ von „oben“ gemanagt. Es ist nicht ein Festival, bei dem die Vereine einer Gemeinde ein paar Tage im Jahr zusammenwirken. Es ist ein Selbsthilfe-Modell, das alle diese Möglichkeiten einschließt, Bestehendes anerkennt, unterstützt, vernetzt. Es ist ein auf Dauer angelegtes Projekt, das mit seinen vielfältigen Impulsen und Initiativen zu mehr Zusammenarbeit anregen soll, das Menschen zu mehr Eigenständigkeit inspirieren, zum Verwirklichen ihrer Kreativität ermutigen möchte. Ein kooperatives Netzwerk, das in dem Maß wächst, in dem es in der Region angenommen wird. Das von den Talenten und Aktivitäten der Mitwirkenden bestimmt wird. Es ist ein Wagnis.

Begonnen wurde dieses sozio-kulturelle Experiment mit einem energischen „Trotzdem“ auf den Lippen. Statt langer Erklärungen wurde einfach zur Tat geschritten. Und dennoch kann man gewissen Notwendigkeiten nicht entfliehen. Es zeigt sich, dass erste anschauliche Beispiele wie Impulsvorträge, Konzepte, Netzwerktreffen, Berichte, Rundschreiben immer noch nicht reichen. Wie kann die Gailtaler Akademie der regionalen Bevölkerung unmissverständlich klarmachen, dass sie kein Konkurrenz für Lebensberater, Schulen und Kulturveranstalter ist, dass ihre Veranstaltungen nur impulsgebend und nicht Selbstzweck sind, dazu beitrage sollen, Brücken zu bauen, wo sie noch fehlen. Das Tun verlangt also nach wie vor Erklärungen, mit dem Beispielgeben ist es für die Meisten offenbar nicht getan.

Anders als im Burgenland und in der angrenzenden Steiermark, wo es schon eine gewisse Tradition mit vernetzenden Veranstaltungen gibt, das Angebot vertraut ist und von einer sich erweiternden Stammrunde dankbar angenommen wird. Die Stegersbacher Akademie ist von Anfang an in bestehende Netzwerke eingebettet und dient dort als geschätzter regelmäßiger Treffpunkt für viele aktive Menschen, die in unterschiedlichen Berufen tätig sind.

Lygia Simetzberger hat sich, um den kritischen Stimmen Rede und Antwort zu stehen und das Modell näher zu beschreiben, vor kurzem entschlossen, ein Buch über die Entstehung der Stegersbacher und der Gailtaler Akademie zu verfassen – Ursprung, Beweggründe, Ziele, Aufgaben… Kurzum, eine genaue Beschreibung des gesamten Koneptes. Interessanter aber verspricht der zweite Teil des Bandes, den Erfahrungsbericht beinhaltend, zu werden. Ganz egal ob die Modelle auf längere Sicht etwas Signifikantes bewirken oder scheitern – es wird sich in diesem Buch niederschlagen.

Das mögliche Buch Arbeitstitel: Modelle für ein regionales Miteinander, zur Nachahmung freigegeben… bzw. Ein neues Modell der regionalen Zusammenarbeit

Advertisements